Grußwort der Bürgermeisterin zum Jahreswechsel

Liebe Luckenwalderinnen, liebe Luckenwalder,

sind Sie auch mütend? Dieser neue Begriff hat noch keinen Eingang in den Duden gefunden. Die Mischung aus müde und wütend beschreibt meine Gemütslage ganz anschaulich. Zum einen sind bei mir nach 21 Monaten mürbe und müde machender Corona-Pandemie die Gelassenheitsreserven nahezu aufgebraucht. Die bange Frage, wann diese bleierne Zeit endlich enden wird, ist angereichert mit großem Unverständnis, um nicht zu sagen Wut. Denn diese vierte Welle, in der wir stecken, ist die erste, die hätte vermieden werden können, wenn sich mehr Menschen an dem mittlerweile ausreichend vorhandenen und Jedermann zugänglichem Impfstoff bedient hätten. Im Land Brandenburg sind gerade mal 61,9 % vollständig geimpft (Datenstand 26.11.2021). Sehr gern hätte ich gewusst, wie die Luckenwalder Zahlen aussehen. Doch diese Informationen bleiben auch mir bisher verschlossen.

Wir hatten das Privileg, in unserer Stadt auf kurzem Weg ein Impfzentrum in der Fläminghalle aufsuchen zu können. Dort wurden ab dem 2. Februar bis zu seiner Schließung am 23. September immerhin 77.744 Impfdosen verabreicht. Als Hilfestellung für ältere Menschen sind Anfang März alle 1.600 über 80-jährige in Luckenwalde von mir angeschrieben worden mit dem Angebot, sie bei der Terminvereinbarung und der Organisation von Fahrdiensten zu unterstützen. Mein dafür eingesetzter Kollege Marcel Hadel konnte allen Terminwünschen nachkommen und den Weg ins Impfzentrum bahnen, immerhin in 450 Fällen. Jetzt ist für viele die Zeit der Impfauffrischung gekommen, die Sie unbedingt auf dem Schirm haben sollten, wenn seit der Zweitimpfung sechs Monate verstrichen sind. Landkreis und Stadt wollen Ihnen in dieser Situation in einer konzentrierten Aktion den Weg bahnen und eine neue Impfoffensive starten. Die Fläminghalle wird wieder als öffentliche Impfstelle ausgestattet. Mit und ohne Terminvereinbarungen können Sie sich dort im Dezember und Januar an einer von drei Impfstraßen die nötige Corona-Schutzimpfungen verpassen lassen. Dieses Angebot geht ausdrücklich auch an die bisherigen Impfzauderer! Denn Erstimpfung, Zweitimpfung und die sogenannte Booster-Impfung sind dort möglich!

Kultur trotz Corona-Zeiten

Nun kann man darüber lamentieren, was alles an beliebten Formaten, die zur Lebensqualität in Luckenwalde beitragen, auch in diesem Jahr ausfallen mussten. Doch halten wir lieber hoch, dass trotz aller Beschränkungen das öffentliche Leben nicht ganz und gar zum Erliegen gekommen ist. Denn es gibt ein paar Enthusiasten, die trotz alledem Corona-konforme Kulturangebote ersonnen und präsentiert haben:

Als Hingucker und Besuchermagnet mit internationaler Anziehungskraft entpuppte sich die Luckenwalder Inszenierung der Strandoper „Sun & Sea“ im alten Stadtbad. Einen passenderen Ort hätte man kaum finden können, um in dem mit 600 Paletten und 70 Tonnen Sand gefülltem Becken Strandatmosphäre mit Badetüchern, Liegestühlen, Schwimmreifen und Sonnenöl zu schaffen, in der Gesangsprofis Arien von Luxusreisen und von sterbenden Korallenriffs die Zuschauer und Zuhörer immer wieder aufs Neue überraschten. Die Performance hatte auf der Biennale in Venedig den Goldenen Löwen als beste Produktion gewonnen. Dass sie ihren Weg von Venedig nach Luckenwalde fand, ist der bestens vernetzten Kuratorin Helen Turner zu verdanken. Gemeinsam mit 60 freiwilligen Helfern schafften sie und Pablo Wendel dazu den Geniestreich, die Energieversorgung der Inszenierung mit grünem Kunststrom aus dem E-Werk zu gewährleisten. Innerhalb von 48 Stunden waren alle Karten ausverkauft.

Am 19. & 20 Juni lockte das erste Freiluft-Event des Jahres unter dem Namen NUTHE BEATS die Freunde der Techno- und Electro-Musik in den Nuthepark. Veranstalter des kleinen Festivals waren die Stadt, der Musik- und Kulturförderverein Alhambra und das DJ-Kollektiv „Komole“. 30 Helfer verwandelten die Nuthewiese in ein gemütliches und originell dekoriertes Festivalgelände. Nachmittags picknickten Familien im Schatten von Einhorn-Hüpfburg und Wackelschafen. Abends genossen es die Besucher, unter den mit Discokugeln und Lampenschirmen geschmückten Bäumen den Darbietungen regionaler DJs zu lauschen und zu tanzen. Luckenwalder Gastronomen sorgten für die Versorgung.

Am 7. August zeigte sich der Boulevard als noch nie dagewesene Kulturmeile, auf der Malerei, Fotokunst, Videoinstallation, Lichtinstallation, Bildhauerei, Objektkunst, Klanginstallation und Workshops die Besucher überraschten. Mancher von ihnen rieb sich verdutzt die Augen, auch deshalb, weil sich etliche Leerstandsläden als originelle Interims-Galerien in ganz neuem Licht zeigten. Die Vielfalt der dargebotenen darstellenden und bildenden Kunst überwiegend regionaler Kreativer zeugt auch von einem hier verborgenen Kulturschatz, den zu heben es sich lohnt. Es ist Hilde Steinfurth und dem um sie versammelten Kreis an Kulturaktivisten zu verdanken, dass wir nach langer pandemiebedingter Durststrecke mit diesem mutigen NEUST:ART im Herzen der Stadt beschenkt worden sind. Als krönender Abschluss verwandelte sich unser Marktplatz in aufgeregtes Hafengetümmel. Denn die FREIE BÜHNE WENDLAND dekorierte ihren Tourbus zum Walfangschiff „Pequod“ und nahm die Zuschauer mit auf die wilde Jagd des besessenen Kapitän Ahab auf Moby Dick.

Unsere Luckenwalder Fußgängerzone kann nach ihrer umfassenden Sanierung nun wirkliche Aufenthaltsqualität vorweisen. Ich bin mir sicher, dass das viele Luckenwalder und ihre Besucher ähnlich sehen. Denn es ist einfach mehr los als vorher. Menschen verweilen in den Cafés oder schlemmen ein Eis auf der Hand. Sie treffen sich an den Bänken und haben Spaß daran, dass ihre Kinder die Wasserspiele unwiderstehlich finden. Allerdings ist die Frequentierung am Samstag in aller Regel eher mau. Dann fallen auch die Leerstandläden umso mehr auf. Das es auch anders geht, wird an den Trödelmarkttagen deutlich. So entstand die Idee, durch regelmäßige Kulturangebote die Besucherfrequenz zu erhöhen. Mehr Besucher bedeuten zugleich auch mehr potenzielle Kunden für die Geschäfte und gastronomischen Einrichtungen. Und vielleicht reift bei dem einen oder anderen der Samstagskulturgenießer auch der Gedanke, aus einem der Leerstandsläden etwas zu machen. Jedenfalls erhielt die Verwaltung im Januar den Auftrag, die Machbarkeit einer VOLKSBÜHNE zu prüfen. Der allgemeinen Ratlosigkeit, wie so etwas denn aussehen und finanziert werden könnte, bereitete unser Bauhofleiter Frank Dunker ein Ende. Er hatte den genialen Einfall, einen Oldtimer zu beschaffen und ihn zum Kulturträger aufzurüsten. Er und seine vier Kollegen Dan Ehresmann, Enrico Hagen, Uwe Langenickel und Andreas Richter waren dann auch diejenigen, die als Planer, Konstrukteure und gute Handwerker die maßgeschneiderte Lösung in die Tat umsetzten. Sie ist nun ein Luckenwalder Unikat und sorgt als Hingucker für eine weitere Attraktivität unseres Boulevards. Seit Ende August hat die VOLKSBÜHNE bewiesen, dass sie nicht nur gut aussieht, sondern auch funktioniert. Sie hat an mehreren Wochenenden bereits Hunderte Besucher unter freiem Himmel angezogen und unterhalten mit Blasmusik, Puppenspiel, Akrobatik, Lesestunden des örtlichen Buchhandels, mit einem Konzert von Nachwuchstalenten der Musikschule und mit Darbietungen des Karnevalvereins. Ich hoffe sehr, dass sich auch in der neuen, im Frühjahr startenden Saison Mitwirkende und Sponsoren finden, die diese Erfolgsgeschichte fortschreiben. 

Für eine gute Zukunft sorgen.

Unter diesem Motto steht der Neubau eines Hortes auf dem Schulgelände Ludwig-Jahn-Straße, der dem zunehmenden Platzbedarf Rechnung trägt. 240 Grundschulkinder finden dort im neuen Jahr beste Bedingungen vor: Ruhige oder bewegungsintensive Nutzungsbereiche ersetzen die aus der Schule bekannten Flur-Raum-Lösungen und ermöglichen Spielen und Toben, aber auch konzentriertes Arbeiten bis hin zu Darstellen, Gestalten und Musik machen. Unser Stadtmotto lautet: „Luckenwalde – Werkstadt der Moderne – Labor der Zukunft“. Die so ausgedrückte Experimentierfreude kommt auch beim Hortneubau zum Zuge. Es ist nicht paradox, sich bei der Gestaltung der Zukunft auf einen alten Baustoff wie Holz zu besinnen, der klimaschonend und nachhaltig ist. Das gesamte dreistöckige Gebäude ist eine Holzkonstruktion, die gute Dämmwerte vorweist. Viele Teile wurden in einem Abbundwerk vorgefertigt und zur Montage auf die Baustelle geliefert. Das ersparte etlichen Baulärm an Ort und Stelle. Nun wird auch noch der gesamte Außenbereich rund um die Mensa aufgewertet und kommt allen Schülern zugute.

Im Kitabereich hat der Verein Menschenskinder Luckenwalde e.V. zur weiteren Trägervielfalt und zu mehr Betreuungsplätzen beigetragen. Im März 2021 konnte er in der Grabenstraße für die erste Elterninitiativ-Kita in Luckenwalde, die für 25 Kinder ausgelegt ist, die Tore öffnen. Es nötigt Respekt ab, dass die Vorbereitungen, angefangen von der Suche nach einem geeigneten Objekt, seiner baulichen Ausgestaltung und Einrichtung bis hin zur Betriebserlaubnis und dem gesamten Kita-Management durch den ehrenamtlich arbeitenden Vereinsvorstand und die Elternschaft geleistet wurden und werden.

Auch die Akademie für Gesundheitsberufe ist ein Baustein für eine gute Zukunft. Das Vorhaben im Wertumfang von 6,4 Millionen Euro ist eine Schwerpunktinvestition in unserem kleinstädtischen Haushalt, die wir nur dank der Förderung von Bund und Land und der Mietvereinbarung mit dem KMG-Klinikum stemmen können. Bei diesem dicken Brocken geht es um gute Architektur, um Stadtgestaltung, um solides Bauhandwerk und auskömmliche Finanzierung und um das Glück, trotz der Schwierigkeiten in der Bauwirtschaft auf verlässliche Partner zählen zu können, die pragmatisch sind und auf dem Boden bleiben. Aber im Zentrum aller Bemühungen stehen die Ausbildung in der Pflege – und damit auch die Pflegenden selbst. Für sie werden hier Rahmenbedingungen geschaffen, die jeden einzelnen als Persönlichkeit schätzen und ihm Raum geben, seine Profession zu erlernen. Florence Nightingale, die Begründerin der modernen Krankenpflege, war bereits vor 100 Jahren der Auffassung:

Krankenpflege ist keine Ferienarbeit. Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll, eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung, wie das Werk eines Malers oder Bildhauers“. Wenn wir diesen Anspruch teilen können, dann dient das Haus der ehemaligen Stein-Schule, das wir hier um- und anbauen, der Vorbereitung und der Ausbildung zur Kunst der Krankenpflege, auf die wir alle angewiesen sein werden.

Wenn die Zukunft das Thema ist, dann muss es im Hinblick auf den Klimaschutz mit Taten in der Gegenwart unterlegt sein.

Ökostrom

Dazu zählt, dass seit Januar 2021 sämtlicher Strombedarf in den städtischen Einrichtungen inklusive Straßenbeleuchtung – immerhin 4.000 Megawattstunden pro Jahr – aus zertifiziertem Ökostrom gespeist wird.

Endlich ist auch Luckenwalde kein weißer Fleck mehr auf der Ladesäulenkarte. Im öffentlichen Raum wurden drei E-Ladepunkte geschaffen: am Haag, auf dem Parkplatz ehemaliges Gaswerk und an der Fläming-Therme.

Wir setzen aber gleichzeitig darauf, dass selbstproduzierter und vor Ort verbrauchter Strom, der aus Sonnenenergie gewonnen wird, die noch bessere Alternative ist. Deshalb wird auf dem Dach des neuen Hortes und der benachbarten Mensa eine Fotovoltaikanlage installiert, die der Versorgung des gesamten Schulkomplexes dient. Die Anlage soll im Endausbau eine Leistung von über 150 kWp erbringen. (In einem durchschnittlichen Jahr werden pro kWp etwa 900 bis 1.000 Kilowattstunden an Strom erzeugt.)

Förderung des Radverkehrs

Keine andere Art der Fortbewegung hinterlässt so wenig Spuren in der Umwelt wie der Fuß- und Fahrradverkehr. Wir wollen Bedingungen schaffen, damit sein Anteil am Verkehrsgeschehen wächst. Dazu gehören die in diesem Jahr installierten Fahrradboxen am Bahnhof. Berufspendler sollen ihre Räder sicher verwahrt wissen, so dass sie der Bahnnutzung gegenüber der des eigenen Autos den Vorzug geben können, um an ihre Arbeitsorte zu gelangen.

Auch die gemeinsam mit Nuthe-Urstromtal begonnene Planung der Radwegeverbindung Luckenwalde-Berkenbrück komplettiert das Netz, das allen acht die Kreisstadt umgebenden Dörfern eine sichere Streckenführung anbietet. Alle Bemühungen sind auf den Bau in 2022 gerichtet.

Solidarität mit Opfern der Flutkatastrophe

Dass Klimawandel kein Hirngespinst sondern längst bedrohliche Realität, auch in unseren Breiten ist, hat die Flutkatastrophe im Ahrtal besonders deutlich vor Augen geführt. Sie verursachte Schäden, die alle bisherigen Ereignisse dieser Art in Deutschland in den Schatten stellten. Es hat mich beeindruckt, dass mit Dennis Gilewski, Mark Puder, Réne Stephan und Sebastian Woitke vier Einsatzkräfte unserer freiwilligen Feuerwehr zu den Helfern aus dem Landkreis gehörten, die eine Woche lang tatkräftig vor Ort in Ahrbrück mit anpackten, um die Verwüstungen zu beräumen.40 Häuser, die ja alle einmal ein Zuhause waren, konnten sie in dieser Zeit entkernen. Darunter auch Häuser von betroffenen Feuerwehrkameraden aus Ahrbrück. Diese hatten zunächst überall sonst geholfen und ihre eigenen Interessen zurückgestellt. Umso dankbarer waren sie jetzt darüber, dass die Feuerwehrmänner und -frauen aus Brandenburg sich auch ihrer Sache annahmen.

Dieses eindrucksvolle Beispiel gelebter Solidarität rüttelt ein bisschen wach. Es ist wohl besser, Müdigkeit und Wut gegen Geduld auszutauschen. „Wer Geduld sagt, sagt Mut, Ausdauer, Kraft.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

Wünsche zum Jahreswechsel

Ich wünsche Ihnen allen, dass es Ihnen gelingt, die so gemeinte Geduld zu bewahren, Zeit zur Besinnung auf die wirklich wichtigen Dinge zu finden und im neuen Jahr auf täglich nachwachsende Zuversicht, Tatkraft, Lebensfreude und Humor bauen zu können.


Luckenwalde, den 30. November 2021

Elisabeth Herzog-von der Heide
Bürgermeisterin

Seite drucken | Autor: Elisabeth Herzog-von der Heide | zuletzt geändert am: 24.12.2021