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19.08.2019

Dankeschön-Picknick für ehrenamtliche Flüchtlingshelfer

51 Gäste waren am 15. August der Einladung zu einem Picknick gefolgt, mit dem die Stadt das ehrenamtliche Engagement vieler Männer und Frauen würdigte, die sich in der Hilfe für Geflüchtete engagieren. Zu Beginn stellte Anke Habelmann, Koordinatorin für Integration, jeden Helfer vor und beschrieb kurz, in welcher Weise er Unterstützung leistet. Für alle war es eine überraschende Erkenntnis,  auf welch vielfältige Weise Beistand und Förderung geleistet wird - z. B. als  Babysitter, um der Mutter die Teilnahme an einem Sprachkurs zu ermöglichen, als Sprachmittler, um gezielt auf die Theorieprüfung beim Führerscheinerwerb vorzubereiten, als Alltagshelfer und als Laienlehrer.

Bevor sich die Gäste kulinarisch verwöhnen ließen, neue Bekanntschaften schließen und alte vertiefen konnten und den Geigenklängen Mathias Wegners lauschten, ergriff die Bürgermeisterin das Wort:

„Liebe Gäste,

als in den Zeiten des westdeutschen Wirtschaftsbooms Mitte der 1960er Jahre die  Unternehmen ihren Arbeitskräftebedarf nicht mehr allein mit Deutschen befriedigen konnten, warben sie in Größenordnung sogenannte Gastarbeiter an, bis 1973  allein aus der Türkei rund 700.000 Menschen gekommen waren. Viele holten ihre Familien nach. "Wir haben Arbeitskräfte gerufen und es sind Menschen gekommen", brachte es der Schriftsteller Max Frisch bereits 1965 auf den Punkt.

„... und es sind Menschen gekommen“ – das gilt auch für die Flüchtlinge, die ab 2015 nach Luckenwalde gelenkt wurden und jetzt hier leben.

Wir stellen fest, dass diese Menschen nicht unbedingt bessere Menschen sind, dass nicht alle pausenlos dankbar sind und ununterbrochen daran arbeiten, so zu werden wie wir.  

Sie alle kennen Menschen, die sich über Hilfe freuen, selbst aber auch ungemein hilfsbereit sind, die an guter Nachbarschaft mit den Alteingesessenen interessiert sind und die großherzige Gastfreundschaft pflegen, vielleicht sogar Freundschaften knüpfen und die für sich und ihre Kinder etwas aufbauen wollen, um hier heimisch zu werden. 

Wir kennen wahrscheinlich weniger die Ängstlichen und Zurückhaltenden, die sich in der Fremde nur unter Landsleuten gut aufgehoben fühlen, die Deutsche meiden und die deshalb auch nicht die schwere Fremdsprache Deutsch lernen wollen. 

Und Sie ärgern sich vielleicht auch über die, die ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen keine Abstriche machen wollen an einer Lebensführung ganz nach eigenem Gusto, die von Nachtruhe und Mülltrennung nichts halten, die schulische Regeln missachten und Frauen und Mädchen keine Gleichberechtigung zugestehen.

Die ganze Bandbreite menschlicher Typen von uns sympathischen Menschen bis zu denen, deren Bekanntschaft man nicht vertiefen möchte, sind nun einmal in dieser Stadt zuhause, sowohl bei den Altluckenwaldern als auch bei den neu Hinzugekommenen.

Ich glaube, wir müssen uns täglich klar machen, dass das normal ist. Weder idealisieren noch dämonisieren, sondern nüchtern die Realität zur Kenntnis nehmen und das Kopfkino einfach mal ausschalten.

Ich will an einem kleinen Beispiel deutlich machen, wie Normalität bereits Einzug gehalten hat: Als vor drei Jahren das erste Opferfest im Nuthepark gefeiert wurde, hatte ich – ehrlich gesagt – Angst. Ich wusste nicht, wie die Luckenwalder es akzeptieren, wenn Muslime inmitten der Stadt, für alle sichtbar und in großer Anzahl, ihren wichtigen Feiertag begehen würden. Ist mit Übergriffen zu rechnen? Ist Luckenwalde der nächste Ort, der wegen Fremdenfeindlichkeit in die Schlagzeilen gerät? Fühlen sich Alteingesessene provoziert? Werden sie provoziert? Ist die Polizei vorbereitet, um ggf. die Menschen zu schützen?

Und im Nachhinein: Ein fröhliches Fest mit vielen Kindern und Picknickatmosphäre, angereichert mit jeder Menge mitgebrachter zu Hause zubereiteter Spezialitäten, fast schon eine Tupperparty. Und der Nuthepark, nachher so aufgeräumt wie selten.

Nun sollte am letzten Sonntag – nun schon einer guten  Tradition folgend – das Opferfest 2019 an gewohnter Stelle stattfinden. Am Freitagabend  zuvor besuchte ich die MusicSession im Nuthepark, das vom Musikshop veranstaltete  Open-Air-Konzert mit  über tausend Besuchern. Vor mir stand ein sportlicher junger blonder Mann, der zu seinem Kumpel sagte: „Weißt du eigentlich, dass am Sonntag hier von den Moslems das Opferfest gefeiert wird?“

„Ach, du Schreck“, dachte ich, „verabreden sich die beiden, um das Opferfest mal so richtig aufzumischen?“ Doch - weit gefehlt. Der Blonde fügte nämlich an: „Da musste unbedingt hingehen. Die haben so richtig geiles Essen!“

Aber es gibt offenbar Menschen, die diese Normalität stört. Im Internet kommentierte  eine hier zur Wahl antretende  Landtagskandidatin dasselbe Ereignis folgendermaßen  „Das Opferfest gehört nicht zu Luckenwalde. Dass solche Veranstaltungen mittlerweile im Rathausblatt beworben werden und islamische Opferfeste auf öffentlichem Gelände im Nuthepark stattfinden, zeigt deutlich, dass sich das Gesicht von Luckenwalde auf problematische Weise verändert hat. ... Man fühlt sich nicht mehr wie in Luckenwalde und wie in Deutschland, wenn man nichtsahnend durch den Nuthepark spazieren geht und dort plötzlich ein islamisches Opferfest mitansehen muss.“

Als infam empfinde ich es, dass sie diesen Wortbeitrag  mit dem Foto eines frisch geschächteten und ausblutenden Schafs illustrierte, um den falschen Eindruck zu erwecken, dass Opferfest bedeutet, dass Tieren im Nuthepark vor aller Augen die Kehlen durchgeschnitten werden. Ich sehe es mit großer Sorge, dass mit dieser Kandidatin Menschen in politische Verantwortung wollen, um durch Hetze, Manipulation und Lügen die Lunte an eine bisher ganz entspannte Luckenwalder Stadtgesellschaft zu legen.

Meine Damen und Herren, mit ca. 5 % Geflüchteten an der Gesamtbevölkerung Luckenwaldes  ist unsere Stadt ein Hotspot in Brandenburg, an dem Integration oder zumindest friedliche Koexistenz einfach gelingen müssen. Nach meiner Einschätzung sind wir auf einem ganz guten Weg. Ganz bestimmt auch dank Ihnen, die Sie sich auf sehr vielfältige Weise für ein gutes Miteinander einsetzen und mit dem Engagement weitermachen, auch in den Mühen der Ebene. Jeder von Ihnen hat den  Schlüssel für eine friedliche Stadtgesellschaft in seinen Händen. Danke, dass Sie sich selbst ganz freiwillig in die Verantwortung genommen haben und damit großen Bürgersinn beweisen.“

Seite drucken | Autor: Britta Jähner | zuletzt geändert am: 28.08.2019